Samstag, 26. Februar 2011

PINK Production Wohin geht Stuttgart, wenn Daimler geht?


Stuttgart ist eine klassische Produktionsstadt – technisch, automobil und selbstverständlich. Daimler, Bosch, Mahle, Porsche sind nur ein paar der vielen Firmen rund um Stuttgart, die als prototypische Produktionsunternehmen gelten können. Produktion, als ein Prozess verstanden, bei dem verschiedene Eingangsmaterialien in ein Ausgangsprodukt transformiert werden, prägte den wirtschaftlichen Aufschwung der Region rund um Stuttgart – und droht jetzt sein Verhängnis zu werden. Wir ahnen es, können es aber noch nicht fassen. Die Konsequenzen sind unvorstellbar (man denke an die Situation der Phonoindustrie vor ein paar Jahren). Längst haben sich die größten Wachstumsmärkte nach Fernost verschoben und komplexe Entwicklungs- und Designprozesse ins Internet. Die Verlagerung der Produktion in Richtung dieser Märkte ist eine zwangsläufige Konsequenz, denn zum einen wachsen dort Kaufkraft und Selbstbewusstsein, zum anderen wird die Forderung nach “Local Content” lauter: Waren, die auf den dortigen Märkten verkauft werden, sollen im Wesentlichen auch dort produziert werden. Das Erfolgsmodell der deutschen Wirtschaft – hochwertige Produktion und Handelsbilanzüberschüsse durch Exporte – scheint in absehbarer Zeit ein Ende zu finden. Es gab eine Zeit, da “Made in Germany” eine Warnung vor schlechter Qualität war, aber das änderte sich bald. Es kommt eine Zeit, da “Made in China” ein positives Qualitätsmerkmal beschreibt.


In Folge dessen muss sich Deutschland im Allgemeinen und die Region Stuttgart im Besonderen damit beschäftigen, wie auf die gewaltigen Veränderungen reagiert werden soll. Allein am Beispiel Daimler lässt sich die Automobilabhängigkeit eindrucksvoll aufzeigen: Aktuell beschäftigt der Daimler-Konzern im Raum Stuttgart circa 80.000 Menschen. Diese 80.000 Arbeitsplätze bedeuten bei der Zulieferindustrie weitere 80.000 – 100.000 Arbeitsplätze – wobei die Arbeitsplätze, die indirekt von Daimler abhängen (wie in der Verwaltung, in der Gastronomie usw.), noch gar nicht mitgerechnet sind. Was passiert, wenn großflächige Produktionsverlagerung erfolgen? Wenn in kurzer Frist 40.000 Arbeitsplätze im Raum Stuttgart wegfallen?



Auf der Suche nach Antworten auf die Fragen, die sich aus solch einem Szenario ableiten, reicht es nicht, in den bewährten Strukturen zu denken. Es reicht nicht, durch Lean Production die Produktivität zu erhöhen, durch integriertes Supply Chain Management die Wertschöpfungsprozesse noch besser zu verzahnen oder eine Bildungsoffensive zu verkünden. Es braucht dazu andere Formate, unübliche Sichtweisen, ungereimte Argumentationen und Neugier. Neue Lösungen finden sich nicht im Bekannten. Der stuttgart | salon ist ein solches Format. Mit Menschen aus Produktion und Finanzmärkten, Design und Kunst, Theorie und Praxis diskutieren wir am 28. Februar im Rahmen des Salons. Steht eine grundlegende Neudefinition der Produktion an? Wie kann nicht nur Produktion und Technik, sondern auch Arbeit neu definiert werden? Wie müssen sich die gesellschaftlichen Strukturen verändern, damit auch ein grundlegender wirtschaftlicher Wandel gelingen kann?


Dieser Salon ist eine gemeinsame Veranstaltung des stuttgart|salon und des Magazins für Ökonomie und Philosophie agora42 und eine Initiative des NewWorkNewCulture.network.
stuttgart|salon ist ein exploratives Format von curious minds auf der Suche nach Fragen und Themen, die verknüpft neue Ansätze bieten und die Basis für Innovation und Neues Lernen schaffen. Wer ist Stuttgart? Und was bedeutet das für die Menschen, die hier leben? Er setzt sich diese Fragen zum Thema, überzeugt, dass wertschätzende Gespräche Menschen motivieren, Ideen und Engagement zu verbinden. Initiiert von Katrin Steglich und moderiert von Thomas Staehelin.
Beide engagieren sich im NewWorkNewCulture.network.

agora42 ist das Magazin für Ökonomie und Philosophie. agora42 widmet sich der ökonomischen Aufklärung, nimmt das große Ganze der Ökonomie in den Blick und schafft dadurch Orientierung. Mittels der Philosophie werden die Schwachstellen unseres ökonomischen Weltbilds offengelegt und neue Perspektiven aufgezeigt. Herausgeber des Magazins sind Richard David Precht und Nazim Cetin.http://newwork-newculture.net/

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